Nach dem Bandscheibenvorfall: Der Weg zurück zum Sport
2007 hatte ich einen schweren Fahrradsturz. Die Diagnose: ein mehrfacher Bandscheibenvorfall, an drei Stellen der Lendenwirbelsäule. Meine Beine setzten fast komplett aus. Schmerzen, die mit nichts vergleichbar waren, was ich bis dahin kannte.
Vier Ärzte sagten mir dasselbe: Sport – das war's. Fahrradfahren sowieso nicht mehr. Normalerweise reicht schon eine einzige Stimme dieser Art, um zu verunsichern. Aber vier? Trotzdem konnte und wollte ich mich mit dieser Zukunft nicht anfreunden.
Also machte ich mich auf die Suche nach anderen Wegen.Der erste bestand aus zehn Minuten. So lange brauchte ich normalerweise von der Wohnung im ersten Stock bis zur Haustür. Unter Schmerzen fühlte es sich an wie eine Stunde. Ich weiß noch genau, wie ich es bis zum Zaun unseres Nachbarn schaffte – und dort stand und mir nicht vorstellen konnte, den Weg zurück zu schaffen. Aber alle waren arbeiten. Ich war allein. Also musste ich.
Ich schaffte es zurück nach oben. Und in diesem Moment wurde mir etwas klar: Wenn du auf dich allein gestellt bist, findest du einen Weg, das möglich zu machen, was gerade nötig ist. Zum ersten Mal seit dem Unfall spürte ich wieder Zuversicht.
Von da an suchte ich gezielt nach Menschen, die Ähnliches durchgemacht hatten. Ich fand Geschichten, die mich tief beeindruckten – jemanden, dem man von Geburt an das Laufen abgesprochen hatte und der Jahre später als Erster Mensch einen Ultramarathon quer durch die USA lief. Einen Piloten, der nach einem Flugzeugabsturz vom Hals abwärts gelähmt war und Jahre später nicht nur wieder vollständig genesen war, sondern auch einen neuen Sinn in seinem Leben gefunden hatte. Diese Geschichten gaben mir die Kraft, weiterzumachen.
Ich baute meine "Wanderstrecke" langsam aus. Ein Grundstück weiter, Tag für Tag, bis ich irgendwann den Wald erreichte, einen Kilometer von zu Hause entfernt. Der Moment, als ich wieder Natur um mich hatte, setzte etwas in Gang. Ich beschloss, wieder mit Krafttraining anzufangen.
Schnell merkte ich: Gerätetraining tat mir nicht gut. Zu viel Spannung, zu wenig von dem, was ich eigentlich brauchte – Lockerheit, Bewegung, Entspannung der Muskulatur.
Kurz darauf fuhr ich zu einem Seminar von Steve Cotter nach Haltern am See. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch extreme Schmerzen und war alles andere als hoffnungsvoll gestimmt. Zwei Tage, je acht Stunden Training – viel Mobility, funktionelles Aufwärmtraining, Arbeit, wie sie Athleten machen, nicht Fitnesssportler. Danach ging es mir körperlich blendend. Dieses Seminar veränderte meine Sicht auf Fitness komplett – und, wie sich Jahre später zeigen sollte, auch meinen weiteren Weg: Cotters Verband, das IKFF, ist derselbe, bei dem ich später selbst meine Kettlebell-Ausbildung machte.
Im Internet stieß ich außerdem auf Scott Sonnon und Steve Maxwell – beide arbeiteten auf ihre Weise an Gelenkmobilisierung. Sonnons Geschichte traf mich besonders: Er kam mit einer entstellten Wirbelsäule zur Welt, seine Prognose war schlechter als meine. Wie er sich bewegte – über Parkbänke rollte, mit einem Flow trainierte, den ich bis dahin nicht kannte – war kaum zu glauben. Einen Monat später saß ich in einem Seminar von ihm in Mailand.
Wenig später folgte Steve Maxwell, glücklicherweise ganz in meiner Nähe, in Offenbach. Wieder Bodyweight-Training, wieder Mobility im Zentrum.
Ich trainierte von da an täglich, mehrmals am Tag, Mobility. Und ich wurde schmerzfreier – Woche für Woche. Etwa neun Monate nach dem Bandscheibenvorfall saß ich wieder über 100 Kilometer auf dem Mountainbike. Ohne Schmerzen. Ohne Probleme.
Wie nachhaltig die Veränderungen waren, merke ich jetzt - knapp 20 Jahre später.